Kind zeigt Angst

Angst in der Erziehung.

Gar nicht so schlimm!?

Der winzig kleine Anstoß zu diesem Artikel kam gestern. Ich holte meinen Sohn vom Kindergarten ab, als er mich danach fragte, ob er etwas stehlen darf. Es ist momentan so eine Marotte von ihm. Wir saßen draußen im Garten auf einer Bank und neben uns die Erzieherin, welche ich sofort darauf ansprach. „Mein Sohnemann will mal wieder etwas mitlaufen lassen. Ich weis gar nicht so richtig wie ich dem begegnen soll“, fragte ich sie. „Das gibt sich wieder“, war die Antwort und als ich wohl nicht ganz zufrieden aussah, sagte sie zu ihm: „Wenn du etwas stiehlst kommt die Polizei!“ (Erzeugung von Angst) Soweit das Geschehene.

Wenn du meinen Artikel: „Angst ist ein schlechter Erziehungsratgeber“ gelesen hast, dann kennst du schon meine Einstellung zu Angst. Und vor allem dem Versuch vieler Eltern, dem Kind mit Angst als Mittel, das Leben zu „erklären“. Sie ist auf jeden Fall kein opportunes Erziehungsmittel, jedenfalls nicht wenn Verunsicherung nicht dein Ziel ist. Dennoch ist es so gängig, dass man sich meist keine Gedanken darum macht.

Früher war alles besser.

Kamen in meiner Kindheit kleine Kinder nicht rechtzeitig heim (Kinder hatten damals noch das Recht auf freies Spielen) so drohte man ihnen mit dem „Nachtkrapp“. Der Nachtkrapp war eine Kinderschreckfigur, welche einen wenn es dunkel wurde schnappte und so weit von Zuhause wegbrachte, dass man nicht wieder nach Hause finden würde. Angst funktionierte richtig „gut.“ „Gut“ in Anführungszeichen!

Ganz ähnlich der Nikolaus, der damals auch die Rute dabei hatte. Oder einen in den Sack steckte, wenn man nicht brav war. Im Alter von fünf Jahren erlebte ich so eine Situation im echten Leben. Ich lebte mit meiner geschiedenen Mutter vorübergehend in einem Dorf. Als es am Nikolaustag anfing, dunkel zu werden, war auf der „Gasse“ ein richtiger Aufruhr. Also ich – nichts wie raus zu den anderen. Und da sah ich ihn den Nikolaus. In seinem Sack strampelte ein Nachbarsjunge angstvoll und schrie: „Hilfe!“ „Ich will nicht!“ „Lass mich raus!“ „Ich mach nichts mehr!“

Und so ging es in einem fort. Wenn ich so darüber nachdenke, war es komisch, dass alle Kinder des Dorfes versammelt waren. Es war wohl eine jährliche Veranstaltung, dass ein Kind ausgesucht wurde. Ich war erst frisch zugezogen und erschrak, als ich den Nikolaus drohen hörte: „Du warst nicht folgsam, also werfe ich dich in meinen Sack in den Stausee!“

Unweit des Dorfes war ein See, in dem ich im Sommer erst von den anderen Kindern (ohne elterliche Aufsicht) schwimmen gelernt hatte. Jedenfalls ich war bis auf die Knochen erschrocken und zugleich ungläubig. Andere Kinder flehten um das Leben des Jungen. Doch die Antwort war immer die gleiche: „Strafe muss sein!“

Und so setzte sich ein seltsamer Zug in Bewegung. Ein strenger Nikolaus, welcher offenbar, Mord im Sinne hatte. Ein zu Tode erschreckter Junge, und ein Haufen Kinder welche in ihren Gefühlen Achterbahn fuhren. Wenn ich heute auf die Scene blicke, waren die älteren Kinder scheinbar sogar amüsiert, was mich damals sehr verwirrte. Einen anderen Jungen höre ich noch rufen: „Selber schuld!“ Erst am Dorfrand blieb der Nicolaus stehen. Er donnerte eine Strafpredigt und nötigte dem Jungen das Versprechen ab, von nun an ein guter Junge zu sein. Ich glaube der Arme hätte vor lauter Angst dem Nicolaus gar seine Seele versprochen, wenn er nur sein Leben behalten durfte. (Solch ein Nikolaus würde heute verurteilt werden.)

Angst ist seelische Gewalt.

Sicherlich ein extremes Beispiel, jedoch eines welches ich so selbst erlebt habe. Zum Glück steckte nicht ich im Sack. Einem Kind Benehmen durch Gewalt oder Androhung von Gewalt beizubringen ist schlicht unterdrückerisch. Selbst der Gesetzgeber sieht dies inzwischen so. Ich hatte damals bei der Einschulung, das Glück in der ersten Klasse zu sein, in der Prügelstrafe verboten war. Von dem Nachbarsjungen habe ich jedoch noch etwas zu berichten.

Damals gab es ein Spiel, welches wir Spicker nannten. Ein Spicker war ein zwanzig bis dreißig Zentimeter langer etwas dickerer Ast oder ein anderes Stück Holz, welches vorn, mit dem Beil zugespitzt wurde. In der Regel von den Kindern selbst. Das erste Kind warf nun den Spicker mit der Spitze voraus, so stark es konnte in den Erdboden, so dass der Spicker stecken blieb. Alle anderen versuchten nun, ihren Spicker so nah an den Ersten zu werfen, dass sie diesen „entwurzeln“ konnten. Gelang es nicht, so hatte der Erste gewonnen. Gelang es, so hatte der gewonnen, der den ersten Spicker umwerfen konnte. Gewöhnlich waren wir dabei barfuß.

Besagter armer Kerl – ein richtiger Draufgänger – hatte nun eines Tages das Pech, dass er seinen Spicker durch seinen eigene Fuß warf. Sprich die Spitze schaute unten raus. Ich weis nicht mehr wie der Spicker wieder aus seinem Fuß kam, aber ich erinnere mich daran, dass ich ihn ein paar Tage später nicht mehr sah. Er hatte Hausarrest bekommen. Außerdem eine Tracht Prügel, denn er hatte sich vor lauter Angst nicht getraut zu sagen, was passiert war und so verbarg er seine Wunde bis sie sich so entzündete, dass er es vor Schmerz nicht mehr ausgehalten hatte.

Warum erzähle ich dir das?

Die Geschichte illustriert deutlich, dass Angst isoliert. Angst ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern erschafft „Einsame Wölfe“! Und diese sind und werden nicht glücklich. Der Nachbarsjunge war selbst gegenüber seinen Eltern isoliert. Er hatte so wenig Vertrauen, dass er lieber seine höllisch schmerzende Wunde verbarg. Es ist leicht auszumalen, dass er es auch später nicht leicht hatte Vertrauen aufzubauen.

Wie auch immer. Ich wünsche ihm, dass ich Unrecht habe. Falls über was für einen Zufall auch immer er an diese Zeilen gerät habe ich ihm folgende Botschaft: „Ich hoffe dass es dir gut geht“. Und ich wünsche mir, dass du das was du erleben musstest, nicht an deine Kinder weitergegeben hast. Wenn doch versuche dieses Leid, von deinen Enkeln abzuwenden.“ „Ich bin ein zwei Jahre jünger als du. Damals konnte ich nichts gegen die Unterdrückung tun die dir widerfahren ist. Ich konnte auch nichts gegen die Unterdrückung tun, welche mir selbst widerfahren ist. Jedoch habe ich mich dazu entschlossen, dass bei mir die destruktiven Dominosteine aufhören zu fallen.“ In jedem Falle dir; Alles Gute!“

Und dies wünsche ich von allen von uns. Kinder brauchen Stärke, Selbstvertrauen und Vertrauen in ihre Umgebung. Lasst uns ihnen dieses Geschenk machen, damit sie dann ihrerseits eine friedliche lebenswerte Kultur weiterreichen können. Eine Kultur, ohne Angst- oder Wut-Gesellschaft. Einer Kultur in welcher Verstehen und nicht Nachplappern und Auswendiglernen kultiviert wird. Ich hoffe, dass solche Geschichten, wie die obige heute sehr, sehr selten sind, oder gar nicht mehr vorkommen. Doch jede Art von angsteinflößenden Verhalten hat nichts in der Kinderstube verloren. Ein Zug, der in die falsche Richtung fährt, fährt in die falsche Richtung. Auch wenn er nicht weit fährt. Auf das Kind bezogen; es muss den ganzen Weg zurück, soll sein Glück nicht verbaut sein. Lasst uns unsere Kinder lieber möglichst weit in Richtung konstruktiven Zusammenlebens bringen. Die zukünftigen Generationen schaffen so vielleicht, ein paar alte menschliche „Marotten“ für immer abzulegen.

Übrigens; Mein Sohnemann versuchte ich beizukommen, indem ich seine Aufmerksamkeit darauf lenkte, wie es ihm gefallen würde, wenn ich ihm etwas stehlen würde. Er meinte, dass es ihm nichts ausmachen würde, woraufhin ich ihm sagte: „Gut gehen wir heim und ich nehme dir ein paar Sachen weg!“ Seine spitzbübische Reaktion: „Du darfst Sachen von mir stehlen.“

Grrrrrr! 🙂

Ich werde wohl noch etwas Geduld und weitere Einfälle brauchen.

PS.: Hier ein Link, wie es sonst auch bei uns bald aussehen kann. https://www.youtube.com/watch?v=vi6hDzyxdU0

Link.