Gestern und Heute. Bild einerFamilie früher.

Gestern und Heute.

Neue Generationen wachsen heran. Neue Dinge werden bald als normal angesehen. Manches zum Guten manches vielleicht auch nicht. Ich dachte mir, heute illustriere ich mal ein paar Unterschiede. Nicht um Aussagen über richtig und falsch zu machen, zumal die Rahmenbedingungen nicht besser geworden sind. Aber ich frage dich, ist wirklich alles so normal, was wir als Solches betrachten? Gestern und Heute – eine Gegenüberstellung.

Man könnte sagen, dass ich als Kind Pech gehabt habe. Immerhin war ich ein Scheidungskind. Doch Kindern wehte damals noch viel Freiheit durch die Haare und diese wollte ich um alles Geld der Welt nicht missen. Wir waren damals nicht so über beschützt wie die heutigen Kinder unter ihren Helikopter-Eltern. Und manche Mutter, würde heute voller Entsetzen von Vernachlässigung sprechen. Doch wir hatten Zeit zu wachsen, und weit mehr Freiheit als Kindern heute zusteht. Wir konnten uns ein gutes Stück unserer Nase nach entwickeln. Im Gestern und Heute ist nicht alles notwendiger Weise schlechter oder besser. Doch es lohnt sich etwas darüber zu reflektieren.

Gestern und Heute. So unterschiedlich!

Eine schöne Erinnerung ist zum Beispiel der Sommer, in welchem ich schwimmen gelernt hatte. Keine zwei Kilometer unterhalb des Dorfes in welchem ich mit meiner allein erziehenden Mutter lebte, war ein kleiner Stausee. Wir, die Kinder des Dorfes waren weitgehend auf uns gestellt. Und so mischten sich Groß und Klein in allen möglichen „Abenteuern“. Die Großen wurden angewiesen, auf die Kleinen aufzupassen, das musste genügen. Interessanterweise tat es dies auch.

Das Ufer von dem besagten See war an „unserer Stelle“ relativ steil. Doch das Ufer war von Büschen umgeben. Sie boten einerseits ein wenig Schutz, doch das Wasser war umso schlechter einsehbar. Nur an zwei drei Stellen kam man zum Wasser durch. Im Wasser wurde es relativ schnell tiefer. Als fünfjähriger konnte ich etwa drei Meter weit von Ufer weg, dann verlor ich den Boden Gewann jedoch manchen extra Schluck des braunen schlammigen Wassers. Die Meisten der anderen Kinder waren schon etwas älter, und sie hatten ihren Spaß, tollten herum und spritzten sich gegenseitig nass. Ich begnügte mich erstmal damit, im seichteren Wasser zu hüpfen.

Ein etwas älteres Mädchen erbarmte sich kurz meiner und meinte zu mir: „Du musst das so machen“. Sagte es und stieß sich mit den Füßen vom Grund ab, glitt im Wasser ein Stück und gönnte sich einen Schluck des besagten Wassers. Nun – das war eine heiße Spur. Mein erster Versuch fand mehr unter als über Wasser als über statt. Das mit dem Wasser schlucken jedoch klappte sofort. Dank meines Ehrgeizes fand ich bald den Dreh heraus, um wie sie kurz zu gleiten. Fast jedes mal mit einem guten Schluck der braunen Brühe. Ein Gutes, hatte die Schluckerei, ich wurde nicht durstig, und bekam genug Erreger zu schlucken um ohne Nadel geimpft zu sein. Heute würde man Bauernhof-Immunität dazu sagen.

Gestern und Heute. – Marketing gaukelt uns heute viel vor.

Für die Mütter, die gerade ihre Hände vorm Gesicht zusammenschlagen; krank wurde ich nicht. Später las ich vom Gesundheitspapst Dr. Strunz, dass er sich selbst gerne hier und da einen Schluck schmutzigen Wassers gönnt um sein Abwehrsystem zu trainieren. (Nur so am Rande.) Was ich sagen will ist: Ist jede Impfung nötig. Fördern die Dinge die wir unseren Kindern kaufen wirklich deren Leben. Ist das politische Marketing, das Eltern schnellstmöglichst wieder an die Herde der Industrie, der Verwaltung und des Handels bringen, wirklich als Hilfe für Eltern gemeint??? Hilft es Kleinkindern? Und so weiter und so fort.

Gestern und Heute. Mehr aus dem “Nähkästchen”.

Jedenfalls, der Sommer ging vorüber, und ich war fähig zu schwimmen. Einen guten Schwimmstil habe ich jedoch nie erlernt. Dies hielt mich allerdings nie davon ab, eine „Wasserratte“ zu sein.

Eine weitere schöne Erinnerung ist: Weiter links unterhalb des besagten Dorfes gab es eine kleine Häuseransammlung. Meine Eltern waren damals noch zusammen und wir bewohnten unser kleines aber feines Fachwerkhäuschen. Weiter unten am Waldrand war eine Sägerei, deren donnernden Sägen mich immer sehr beeindruckt hatten. Doch darum soll es jetzt nicht gehen.

Schon damals, arbeiteten beide Eltern von mir, wegen des besagten Häuschens. So blieb auch wenig Zeit für mich. Genauso wie heute meinen vierjährigen Sohn und meine dreizehn Monate alte Tochter, drängte es mich damals auch ständig aus dem Haus. Ich konnte schon auf der abschüssigen Straße laufen, ohne dauernd hinzufallen. Meine Mutter schaut aus dem Küchenfenster und ruft mir noch zu: „Geh nicht so weit weg Reinhold!“ „Ja-aaa“ gab ich zurück. Eine Zeit lang hielt ich mich daran, dann fiel mir das Sägewerk ein. Wie das so ist, wenn man so die Welt erobert findet man viel am Straßenrand und so fand ich weiter unten eine Stelle, an der man zwischen den Grundstücken zur Wiese durchgehen konnte.

Da war ich noch nie. Die Wiese war hoch gewachsen und das Gras höher als ich. Viele Blumen blühten dort. Doch die ließen sich gar nicht so leicht abreißen. Bei ein paar gelang es mir. Stück für Stück kämpfte ich mich auf der Hinterseite der Grundstücke wieder nach oben. Bald war ich hinter unserem Haus. Die Fenster waren geöffnet. Mama machte inzwischen Betten. „Mama, Mama“, rief ich. Erschrocken drehte sie sich um und sagte: „Reinhold, ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht so weit vom Haus weg!“ „Bin ich doch nicht“, antwortete ich kleinlaut und hielt ein paar zerfetzte Blumen hoch. Der Ärger wich aus dem Gesicht meiner Mutter. Sie lächelte mir zu. Ich umrundete den Rest des Grundstücks und ging wieder heim. „Wo sind die schönen Blumen“, fragte meine Mutter. „Weis nicht“, antwortete ich. „Ich habe sie vergessen.“

Gestern und Heute. Ich würde Freiheit nie gegen eine Kita tauschen wollen.

Schaue ich heute auf meinen kleinen Sohn, sehe ich so oft den glücklichen Frechdachs, der ich selbst damals war. Und ich sehe auch die Entwicklung in meiner Vergangenheit, welche bald verhängnisvoll war, mir viel meiner Kindheit versaute und das Leben beträchtlich erschwerte.

Doch lass mich noch eine Episode erzählen, sie eignet sich gut dem Haupttitel, gerecht zu werden.

Während den Umbrüchen, kurz nachdem meine Mutter meinen Vater aufgrund dessen Gewaltausbrüchen verlassen hatte, war ich auch kurz in einem Kindergarten. Nur ein paar Tage, während wir bei Bekannten untergekommen waren. Erinnern kann ich mich nur noch daran, dass ich mich in ein Mädchen verliebt hatte und an einen ganz bestimmten Tag.

Ein paar Kinder, so auch ich, saßen im Sandkasten. Unsere Schäufelchen und Eimer waren damals noch aus Metall. Genau so ein Schäufelchen flog in meine Richtung. Prallte auf meinen Kopf und verschwand. Allerdings fing mein Kopf an zu kitzeln. Ich wischte mir mit der Hand über die Haare, wo es merkwürdig feucht war. Und da war auch das Schäufelchen. Es viel mir vom Kopf. Unweit stand die Tante mit entsetztem Gesicht. (Für die Jüngeren; Tante nannte man früher die Erzieherin.)

Es musste wohl so gewesen sein, dass die Fontanellen meines Kopfes noch nicht vollständig zugewachsen waren, jedenfalls steckte das Schäufelchen, bis ich es herunter wischte in meinem Kopf. Die Tante nahm ich bei der Hand und ging mit mir ins Haus. „Da muss Jod drauf“, sagte sie und ergänzte, „das wird ein bisschen brennen“. Das „Bisschen“ reichte um mich schreien lassen wie am Spieß. Doch auch dies ging vorüber und die Tante meinte dann noch zu mir: „Wenn deine Mutter heute Abend kommt, muss sie mit dir zum Arzt“.

Gestern und Heute. Schnitt!

Viele Jahre später. Meine jüngste von drei Töchtern geht in die zweite Klasse. Ein Tag wie jeder andere, sie in der Schule ich bei der Arbeit. Abends komme ich heim und werde mit den Worten empfangen: „Unsere Kleine liegt im Krankenhaus!“ Wie vom Donner gerührt stehe ich da und höre mich sagen: „Was ist passiert?“

Meine Frau erzählte mir, dass unsere Tochter von der Schule nach Hause kam und sich auf der Bank, welche auf unserer Terrasse stand, schlafen gelegt hatte. Eine neurotische Nachbarin (Krankenschwester) sah sie dort liegen, was ihr Kopfkino startete. Sie sah nach ihr, in ihrer Panik und es kam, was kommen musste. Unfähig zu beobachten was sie sah, völlig in ihrem Film, versuchte sie unser Kind zu wecken. Doch dies war nicht leicht. (Das war es nie) Die Kleine öffnete die Augen ein wenig, doch sie blieben zurückgerollt. Die Nachbarin sah nur das weise ihrer Augen. Die in ihrem Drama verhangene Nachbarin, rief sofort einen Arzt. Und diesen machte sie so verrückt, dass er lieber den Krankenwagen holte.

Auch er war unfähig zu sehen, was vor seine Augen war. Ein normales Mädchen, das tief und fest eingeschlafen doch inzwischen wach war. Mit dem Krankenwagen traf ihre Mutter ein. Sie war beim Einkaufen gewesen. Eingeschüchtert von dem Drama, willigte sie ein das Mädchen ins Krankenhaus fahren zu lassen. Verängstigt fuhr sie hinter dem Krankenwagen her. Dieser fuhr nicht ins nächste Krankenhaus. Nein er brachte das Kind in die Kreisstadt. Und dort überließ sie ihre Mutter den weisen Rittern. Sie musste heim, schließlich hatte sie ja noch zwei Kinder.

Nun ich kam heim und fuhr kehrt wendend mit der Familie ins Krankenhaus. Dort traf ich mein Mädchen quietschvergnügt an. Ich sprach mit dem leitenden Arzt, der mir doch sehr ans Herz legte das Kind zur Beobachtung da zu lassen. Ich fragte meine Tochter, was sie dazu sage. Sie empfand das Ganze wie ein Spiel, wie ein Abenteuer. Ihr mache es nichts aus eine Nacht im Krankenhaus zu verbringen, sagte sie zu mir. Ich sprang über meinen Schatten und ließ gewähren.

Die Geschichte hatte eine zusätzliche Würze; am nächsten Tag wollten wir in den Urlaub fahren. Jedenfalls ich herzte meine Tochter und überließ sie ihren „Helfern“.

Am nächsten Tag, unterschrieb ich früh morgens eine Erklärung, welche die Helden in Weis ihrer Haftung entband und übernahm alles Risiko mit einer gut ausgeschlafenen Tochter in den Urlaub zu fahren. 🙂 Ein mulmiges Gefühl fuhr noch ein paar Stunden mit, und dann warf ich es aus dem offenen Fenster in den Fahrtwind. Meine Tochter war das, was ich von der ersten Sekunde gesehen hatte. Kerngesund!

Gestern und Heute. Besser, man riskiert einen zweiten Blick.

Man mag einwenden, dass die Nachbarin nur ihr Bestes tat. In der Tat, das hatte sie auch. Doch Angst ist eben ein schlechter Ratgeber.

In diesen nicht ganz zwanzig Jahren hatte die Angst sich wie das „Nichts“ im Film „Die unendlichen Geschichte“, breitgemacht. Und in den folgenden dreißig Jahren hatt sich die Entwicklung noch beschleunigt. Stichwort „Angstgesellschaft!“

Ich weis; Sarkasmus steht mir nicht so gut zu Gesicht. Doch mich würde es nicht wundern, wenn heute in beiden Fällen der Rettungshubschrauber käme. Dass ich damals im Kindergarten nicht gleich einen Arzt sah, war vielleicht nicht ganz richtig. Doch, dass wir heute vor lauter Angst häufig nicht mehr sehen, was wir sehen und nicht das kommunizieren was wir selbst beobachtet haben, halte ich für ein Drama. Gestern gab es mehr Freiheit und heute mehr Marketing. Gestern legte man den Hausschlüssel noch unter die Fußmatte, und heute trauen wir uns kaum noch gegenseitig über den Weg. Besser wir finden das Beste aus Gestern und Heute und bauen eine neue friedliche Lebenswerte Kultur.

Und ich denke, es ist höchste Zeit etwas besonnener zu werden. Wo werden sonst unsere Kinder enden?